Fluchtreflexe


Einer dieser Tage.
Schon seit Tagen keine Lust mehr. Mitten in der Nacht aufgestanden. Frühstück um 2 Uhr. Keine Zeit gehabt, mir Wasser zum Trinken abzufüllen und beschlossen, das vor Ort zu tun.
Mit dem Auto quer durch die Großstadt zu einem anderen Arbeitsort als üblich, glücklicherweise auf der vollkommen abartigen Uhrzeit zu verdankenden leeren Straßen. Dennoch verfahren wegen spontaner Baustellen und so in die einzige Straße geraten, in der um 3 Uhr morgens Stau ist und Taxifahrer auf der linken Spur parken. Hamburger dürften wissen, welche das ist. Am Ziel mehr Baustelle, noch einmal falsch abgebogen, die Orientierung verloren, für die restlichen 200 Meter das Navi gebraucht. Den für Mitarbeiter reservierten Parkplatz erst nach mehreren Fehlversuchen gefunden. Fast zu spät zur Arbeit gekommen, keine Zeit mehr, etwas zu Trinken zu besorgen. Schon zu Schichtbeginn also genervt. Arbeitsplatz: öffentlicher Nahverkehr. Arbeitsplatz stinkt nach Alkohol und Erbrochenem und ist gefüllt mit den zweibeinigen Quellen dieser Gerüche, nur noch bedingt zur Benutzung ihrer Beine fähig (um so mehr zu dummen Fragen). Führt nicht zur Steigerung meines Wohlbefindens. Ich habe Durst. Das auch nicht.

Nachwirkungen eines nicht näher bezeichneten Erlebnisses des Vortages füllen mein Herz mit Melancholie und mein Hirn mit einem Ohrwurm, in der Frühstückspause (die Sonne müsste soeben aufgehen) muss ich ihn füttern und danke der modernen Welt für mein Smartphone (und der Pause für eine Chance, Wasser zu holen). Ich spiele ein Musikvideo ab: Revolverheld, "Mit dir chillen" und singe im noch leeren Zug am Endbahnhof vor mich hin. Dieses Kribbeln in den Beinen, dieses unerträgliche Kribbeln, die steigende Nervosität, zuckende Füße, das Bedürfnis aufzuspringen und zu rennen.. In diesem Moment reißt die Wolkendecke auf. Ich blinzele. Mein Innenleben implodiert.
Der Alltag fühlt sich plötzlich an wie ein Gefängnis, die Wände kommen immer näher, unsichtbare Ketten spannen sich um meinen Körper. Will die Ketten sprengen, die Mauern einreißen, mit dem Kopf durch die Wand. Die nunmehr schnell ziehenden Wolken scheinen zu rufen: "Komm mit uns", die durch die Lücken blitzende Sonne, der blaue Himmel wecken den Wunsch, Flügel zu haben und davonfliegen zu können - nein, aggressivere Vorstellungen brechen sich Bahn, Jetpack zünden, Abschuss mitten durch die Windschutzscheibe, Überschallknall, unter mir zersplittern Scheiben und fallen Bilder von den Wänden!
Fuck this, I'm outta here! Fahrt euren Scheißzug doch selber!

Einfach den Rucksack packen, die Stiefel an und raus, weg, wohin? Fast egal, nur raus aus der Stadt, raus in die Wildnis, je weiter weg und je wilder, desto besser. Eine Freundin, einen Freund mitnehmen. Auf einen Gipfel steigen, mit dem Fahrrad übers Land, mit einem Kanu einen Fluss entlang, zu Fuß durch Wälder und Täler, über steile Pfade und durch wegloses Gelände, allein mit unseren Körpern und unserer Ausrüstung gegen die Natur, gegen uns selbst. Keine Sorgen, keine Fragen außer der, wo wir als nächstes schlafen und wie das Wetter wird. Nicht hetzen, nicht von Verpflichtungen und Arbeitszeiten gejagt werden. Nur leben, das reine Leben. Atmen, bewegen, frei sein, in die Sonne blinzeln, den Wind riechen.
Raus, nur raus.
Und kein Blick zurück.

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Beim Schreiben gehört:
Revolverheld - Mit dir chillen
Rednex - The Chase
PrinceWhateverer - Taking Flight

Über Martin

Martin ist Ingenieurgeologe und genereller Anhänger der Naturwissenschaften und Technologie, geboren 1988 in Hamburg. Wenn er keine Löcher gräbt oder Sandkörner sortiert, steigt er liebend gern auf Berge, fährt Ski oder rennt durch den Wald.

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